Kaum eine Filmbewegung der Sechzigerjahre ist auf Disc so gründlich erschlossen und zugleich so ungleich verteilt wie die Tschechoslowakische Neue Welle – gemeint sind die tschechischen und, das sei gleich zu Beginn betont, ebenso die slowakischen Filme, die etwa zwischen 1962/63 und 1969/70 entstanden. Ihr Rückgrat im Heimkino ist ein einziges britisches Label: Second Run hat rund 40 regionalfreie Blu-rays tschechischer und slowakischer Filme veröffentlicht, fast alle auf Grundlage von Transfers und Restaurierungen des Prager Národní filmový archiv (NFA) oder des Slowakischen Filminstituts (SFÚ). Dahinter folgen Criterion mit sechs Blu-ray-Editionen, Arrow mit zwei Titeln aus dem Jahr 2015 und, als jüngster ernsthafter Akteur, Deaf Crocodile. Im deutschsprachigen Raum bleibt das Thema eine Nische: Bildstörung hat fünf Titel herausgebracht, drei davon auf Blu-ray, und die Klassiker von Forman, Menzel und Němec sind hierzulande nie auf Blu-ray erschienen. Weltweit fehlen auf Blu-ray noch immer Jaromil Jirešs 2022 restaurierter Žert, Jiří Menzels Rozmarné léto, Věra Chytilovás O něčem jiném und Ovoce stromů rajských jíme sowie die frühen Filme Evald Schorms. In meiner Sammlung stehen 30 Blu-rays aus diesem Umkreis, 27 davon von Second Run; es fehlen vor allem Marketa Lazarová, Hoří, má panenko, Údolí včel und die jüngsten Second-Run-Ausgaben. Dieser Text ordnet, was es gibt, wer es herausbringt, was fehlt – und wo man weiterlesen und weitersehen kann.
Eine Gründungsurkunde hat die Neue Welle nicht, wohl aber einen politischen Anlass. Der XII. Parteitag der KSČ verkündete im Dezember 1962 „liberalere Bedingungen für das Filmschaffen“; sichtbar wurden sie erst ab der Mitte des Jahrzehnts (Prokopová, Filmový přehled). In rascher Folge debütierten nun Absolventen der Prager Filmhochschule FAMU: Miloš Forman mit Konkurs und Černý Petr (1963), Věra Chytilová mit O něčem jiném (1963), Jan Němec mit Démanty noci (1964), Jiří Menzel mit Ostře sledované vlaky (1966). Daneben arbeiteten Regisseure, deren Laufbahn früher begonnen hatte, etwa Vojtěch Jasný, dessen Touha von 1958 stammt, František Vláčil (Ďáblova past, 1961) oder Karel Kachyňa. Zwei Oscars für den besten fremdsprachigen Film, für Obchod na korze und Ostře sledované vlaky, machten die Bewegung international sichtbar.
„Tschechoslowakisch“ heißt sie zu Recht. Parallel entstand im Bratislaver Studio Koliba eine slowakische Linie, die mit Štefan Uhers Slnko v sieti (1962/63) einsetzt und über Peter Solan, Eduard Grečner, Juraj Jakubisko, Elo Havetta und Dušan Hanák bis in die frühen Siebziger reicht. Auch diese Regisseure waren FAMU-Absolventen; das Berliner Zeughauskino nannte ihre Filme „im Vergleich zu ihren tschechischen Kollegen weniger homogen, dafür umso radikaler und eindringlicher“ (Zeughauskino 2016). Wo hier der Kürze halber von der „Neuen Welle“ die Rede ist – oder cine42 das internationale Etikett Czech New Wave verwendet –, sind die slowakischen Filme immer mitgemeint.
Mit dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen im August 1968 begann ein etwa zweijähriger Umbau des Staatsstudios zu einer parteikontrollierten Institution, der in den politischen Überprüfungen („prověrky“) von 1970/71 gipfelte (Hulík, Iluminace). Fertige Filme wurden dabei nicht vernichtet, sondern „in den Tresor“ gelegt. Matthew Sweney beschreibt diese „trezorové filmy“ als Produktionen, die aus dem Verleih genommen, aber archiviert, gleichsam in den Winterschlaf geschickt wurden; sein Kapitel behandelt sechs Fälle: Všichni dobří rodáci (Jasný, Regiepreis in Cannes), Spalovač mrtvol (Juraj Herz), Skřivánci na niti (Menzel, 1990 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet), Kladivo na čarodějnice (Otakar Vávra), Ucho (Kachyňa) und Případ pro začínajícího kata (Pavel Juráček) (Sweney, AUP 2023). Auch Jakubiskos Vtáčkovia, siroty a blázni blieb unterdrückt, „until the Velvet Revolution unlocked the vaults“, wie Michael Brooke schreibt. Zensur war hier vor allem Verleihpraxis – und darin liegt für Sammler die vielleicht wichtigste Pointe dieser Geschichte: Weil die Negative im Archiv überdauerten, lassen sich die Filme heute aus dem Originalmaterial restaurieren. Alle sechs Tresorfilme aus Sweneys Kapitel stehen übrigens in meinem Regal, ausnahmslos als Second-Run-Ausgaben.
Nahezu alle tschechischen Spielfilme der Neuen Welle entstanden in den Prager Barrandov-Ateliers. Gebaut wurden sie ab Ende November 1931 auf Initiative von Miloš Havel – dem Onkel, nicht dem Vater des späteren Präsidenten Václav Havel – nach Plänen von Max Urban; im Januar 1933 begannen die ersten Dreharbeiten (Barrandov Studio; Wikipedia). Im Krieg beschlagnahmt und um drei große Hallen erweitert, wurde das Studio nach Kriegsende per Präsidentendekret Nr. 50 verstaatlicht; Havel ging nach München und kehrte nie zurück. Bis Anfang der Neunziger blieb Barrandov in Staatsbesitz, dann wurde es privatisiert; heute gehört es laut Wikipedia der Moravia Steel. Eine Statistik, wie viele Neue-Welle-Filme genau dort entstanden, gibt es nicht. Die Faustregel lautet: tschechische Spielfilme am Barrandov, slowakische in der Koliba, Kurz-, Dokumentar- und Animationsfilme in eigenen Studios.
Interessanter als die Gebäude ist die Organisationsform. Die Spielfilmproduktion lief über halbautonome „tvůrčí skupiny“, schöpferische Gruppen, die sich laut Petr Szczepaniks Studie Továrna Barrandov seit Mitte der Fünfziger profilierten und nach 1962 zunehmend als „de facto producers“ mit eigenen künstlerischen Beiräten agierten (Owen über Szczepanik, Iluminace). An ihrer Spitze standen in der Regel ein Produktionsleiter und ein Chefdramaturg. Die legendäre Gruppe Šebor–Bor (1958–1970) mit Jiří Šebor und Vladimír Bor verantwortete Ikarie XB 1, Spalovač mrtvol, Kladivo na čarodějnice und Formans Filme, darunter Lásky jedné plavovlásky; laut Bors Nachlassverzeichnis im NFA war sie auch an den beiden Oscar-Filmen beteiligt, und Bor förderte Forman, Menzel und Herz (NFA). Die Gruppe Procházka–Švabík um Jan Procházka und Erich Švabík stand hinter Démanty noci, O slavnosti a hostech und Marketa Lazarová; Sedmikrásky entstand in der Gruppe von Bohumil Šmída und Ladislav Fikar. Dass die kühnsten Filme des Jahrzehnts nicht gegen die Dramaturgie, sondern mit ihr entstanden, ist für jemanden aus meinem Beruf die eigentliche Pointe. Der 1965 gegründete Verband der Film- und Fernsehschaffenden (FITES) erweiterte diese Spielräume noch (bpb). Die Normalisierung kassierte auch das: Šebor–Bor endete 1970, Bor wurde wieder einfacher Dramaturg.
In Bratislava übernahm die Koliba die Rolle des Barrandov. Sie ging aus dem kriegszeitlichen Wochenschau- und Kurzfilmbetrieb „Nástup“ hervor, blieb unter wechselnden Namen das Zentrum der slowakischen Produktion und wurde 1995 unter Vladimír Mečiar umstritten privatisiert; nach dessen Wahlniederlage 1998 folgten Prozesse, das Studio verfiel (Wikipedia). Die Animation hatte zwei Zentren: Prag, wo Jiří Trnka und Eduard Hofman 1945 das Studio Bratři v triku gründeten, und Zlín, in sozialistischer Zeit Gottwaldov, wo Hermína Týrlová und Karel Zeman arbeiteten (Wikipedia). Gemeinsamer Nenner beider Landesteile war die FAMU, zwischen 1946 und 1948 gegründet und als fünftälteste Filmschule der Welt geführt. Otakar Vávra leitete dort ab 1957 die Regieklasse, Forman studierte Drehbuch, und in internen Vorführungen sahen die Studierenden Filme, die im offiziellen Verleih nicht liefen.
Heute sind es zwei Institutionen, ohne die keine dieser Discs existieren würde. In Prag restauriert das NFA seit 2011 systematisch tschechische Klassiker – bis 2019 knapp 30 Filme, im Schnitt drei bis vier pro Jahr, zu Kosten von rund einer Million Kronen pro Titel (Seznam Zprávy). Bild und Ton bearbeiten in der Regel die Firmen UPP und Soundsquare; finanziert wird über Kulturministerium und Staatlichen Filmfonds, vor allem aber über eine Spende von Milada und Eduard Kučera – Žert war 2022 bereits der 23. Film, dessen Restaurierung das Ehepaar ermöglicht hat (KVIFF). Premiere ist meist in Karlovy Vary oder bei Cannes Classics, danach bringt das NFA die neuen Fassungen selbst in die Kinos und liefert die Transfers, auf denen die meisten Second-Run-Ausgaben beruhen. Für Sammler lohnt die Unterscheidung, die das Archiv selbst trifft: „digitálně restaurováno“ bedeutet Farbkorrektur, Reinigung und Tonrestaurierung, „digitalizováno“ nur einen Full-HD-Scan des besten erhaltenen Materials (Lupa.cz). In Bratislava übernimmt das 1963 gegründete und seit 1991 eigenständige SFÚ diese Aufgabe: Es hält über die Delimitationsvereinbarung von 1991 die Produzentenrechte an den Filmen der Slovenská filmová tvorba und sicherte die kompletten Negative und Schutzmaterialien slowakischer Filme bis 1991 (SFÚ).
Mit Obchod na korze begann 2016 bei Second Run eine Reihe, die inzwischen rund 40 Blu-rays tschechischer und slowakischer Filme umfasst, alle regionalfrei, die tschechischen meist aus NFA-Transfers, oft in 4K, die slowakischen in der Regel aus 2K-Restaurierungen des SFÚ. Hinzu kommen 14 Titel, die es nur auf Second-Run-DVD gibt, und zwei DVD-Boxen „Czechoslovak New Wave“ (2012 und 2015). Das Label hat Maßstäbe gesetzt: Booklets, häufig von Peter Hames, Audiokommentare, oft von Michael Brooke oder dem Projection-Booth-Team, und Kurzfilme als Bonus, die man sonst kaum findet. Démanty noci wurde bei Il Cinema Ritrovato als beste Einzelveröffentlichung ausgezeichnet (Filmový přehled). Mehrere Ausgaben waren die ersten Blu-rays überhaupt, etwa Vláčils Ďáblova past (2022), Oldřich Lipskýs Happy End (2024) und Kachyňas Ať žije republika, die im März 2026 erschien (Second Run). Zuletzt folgte im August 2026 die auf 2.000 Exemplare limitierte Doppel-Blu-ray Jiří Trnka: Puppet Master. Weitere tschechische oder slowakische Titel hat Second Run Anfang Oktober 2026 nicht angekündigt.
Criterion führt 17 tschechoslowakische Titel. Auf Blu-ray (Region A) erschienen Marketa Lazarová (2013), Valerie a týden divů (2015), Démanty noci (2019), Zemans Trilogie als Box (2020), Spalovač mrtvol (2020) und Sedmikrásky (2022), die beiden letzten aus 4K-Abtastungen des Kameranegativs (criterionforum). Die frühen Nummern #130 The Shop on Main Street, #131 Closely Watched Trains, #144 Loves of a Blonde und #145 The Firemen’s Ball gibt es seit 2001/2002 nur auf DVD. Die vergriffene Eclipse-Box „Pearls of the Czech New Wave“ (2012, vier DVDs) ist soweit ersichtlich die einzige englischsprachige Disc-Ausgabe von Schorms Návrat ztraceného syna, Menzels Rozmarné léto und Jirešs Žert (Criterion). Im Hintergrund steht Janus Films, das 2017 die US-Rechte an 30 tschechischen Klassikern erwarb (CriterionCast); der Streamingdienst Criterion Channel führt eine Kollektion „Czechoslovak New Wave“ mit 32 Einträgen, darunter viele Filme, die Criterion nie auf Disc veröffentlicht hat.
Arrow brachte im Herbst 2015 in seiner Academy-Reihe zwei Dual-Format-Ausgaben heraus, Hoří, má panenko und Ostře sledované vlaky, beide aus NFA-Restaurierungen. Bei Hoří sprach die Ankündigung von einer neuen 4K-Restaurierung, während eine NFA-Sprecherin 2016 angab, der Film sei nur in Full HD restauriert – die Frage ist offen. Was im Arrow- oder im BFI-Shop sonst an tschechischen Titeln liegt, stammt von Second Run.
Die interessanteste Entwicklung der letzten Jahre kommt aus den USA. Deaf Crocodile arbeitet mit dem NFA und der Comeback Company zusammen, holt regelmäßig Peter Hames und Irena Kovarova für Kommentare und zeigt eine Vorliebe für das Fantastische und das Genrekino. Im Katalog stehen der Episodenfilm Pražské noci (1968/69, Blu-ray 2023, Region A), Jiří Weiss‘ Zlaté kapradí (1963, Blu-ray 2025), Lipskýs Adéla ještě nevečeřela (1977) und Vávras Krakatit (1948), der 2026 als 4K-UHD aus dem Nitratnegativ erschien. Für den 27. Oktober 2026 ist Lipskýs Limonádový Joe unter dem Titel „Soda Pop Joe“ angekündigt, aus einer neuen NFA-4K-Restaurierung (blu-ray.com). Einzelstücke kommen von Severin Films – Herz‘ Upír z Feratu (1981/82) mit über fünf Stunden Extras (mondo-digital) – und von Indicator, das 2019 Jiří Weiss‘ britisch-tschechoslowakische Koproduktion Třicet jedna ve stínu (90° in the Shade, 1965) als limitierte Edition veröffentlichte, die der Verlag inzwischen unter den gestrichenen Titeln führt.
In Frankreich brachte Carlotta 2020 Formans vier frühe Filme als Blu-ray-Box heraus (Konkurs, Černý Petr, Lásky jedné plavovlásky, Hoří, má panenko) (Carlotta). Malavida, der Spezialist für tschechisches Kino, veröffentlicht überwiegend DVDs und bringt Titel über Koeditionen mit Potemkine auf Blu-ray, etwa L’Incinérateur de cadavres (2025); die Gründer berichten offen von der Mühe, Rechte an staatlichen tschechischen Filmen zu klären, und von Němecs Weigerung, mitzuwirken (Courrier d’Europe centrale). Artus Films legte 2023 Vláčils Marketa Lazarová und Údolí včel als Blu-ray-DVD-Kombinationen vor, Marketa mit einem 62-seitigen Buch. Die französischen Ausgaben haben, soweit angegeben, nur französische Untertitel.
In Tschechien gibt das NFA eigene Blu-rays mit englischen Untertiteln heraus, die meisten für elf bis 16 Euro: Černý Petr (zusätzlich mit französischen und italienischen Untertiteln), Démanty noci, Ikarie XB 1 und Případ pro začínajícího kata zusammen mit Postava k podpírání; außerdem führt der Archivshop Starci na chmelu, während Marketa Lazarová und Ostře sledované vlaky dort ausverkauft sind (NFA-Shop). Bontonfilm veröffentlichte 2012 Hoří, má panenko, Bohemia MP 2019 Spalovač mrtvol, beide mit englischen Untertiteln; Magic Box brachte unter anderem Vláčils Adelheid mit englischen und deutschen Untertiteln heraus (blu-shop.cz). In der Slowakei erschien beim SFÚ 2008 die zehnteilige DVD-Edition „Slovenský film 60. rokov“ (kinema.sk); 2016 folgte eine zehnteilige Blu-ray-Kollektion restaurierter Filme, 2023 ein Sechser-Set zum Institutsjubiläum mit Pieseň o sivom holubovi, Boxer a smrť, Organ, Prípad pre obhajcu, Kristove roky und Obrazy starého sveta (teraz.sk), 2024 Obrazy starého sveta als Einzel-Blu-ray mit englischen, deutschen, französischen, spanischen und italienischen Untertiteln (SFÚ).
Der deutschsprachige Markt zerfällt in zwei Lager. Auf der einen Seite stehen die Arthouse-Labels mit tschechischem Originalton und deutschen Untertiteln. Bildstörung hat in seiner Drop-Out-Reihe fünf Titel herausgebracht (Bildstörung): Tausendschönchen 2012 auf DVD und Blu-ray, mit Kommentar von Peter Hames und Daniel Bird; Marketa Lazarová 2017 als limitierte Blu-ray, inzwischen ausverkauft; den slowakischen Der Boxer und der Tod von Peter Solan auf DVD und Blu-ray, sogar mit deutscher Tonspur; dazu Valerie – Eine Woche voller Wunder und Der Leichenverbrenner (2011, mit Kommentar von Juraj Herz) – diese beiden nur auf DVD. Das Schweizer trigon-film führt eine Forman-Box mit Der schwarze Peter, Die Liebe einer Blondine, Der Feuerwehrball und Konkurs in restaurierten Fassungen sowie die Box „Jiří Menzel 1“ mit Scharf beobachtete Züge, Ein launischer Sommer und Lerchen am Faden, jeweils mit deutschen und französischen Untertiteln, aber ausschließlich auf DVD (trigon-film).
Auf der anderen Seite stehen die „Ost“-Labels mit DEFA- oder westdeutschen Synchronfassungen, meist von Genretiteln. Ostalgica, erhältlich über den Shop von Der Ostfilm, veröffentlichte 2019 Der Hexenhammer auf Blu-ray, mit deutschem und tschechischem Ton sowie deutschen und englischen Untertiteln (blu-ray.com); Brynychs Als Hitler den Krieg überlebte (Já, spravedlnost, 1967) ist dort als DVD ausverkauft. DEFA Filmjuwelen brachte Anfang 2026 Ikarie XB 1 als deutsche Blu-ray-Premiere heraus, mit der DEFA-Synchronfassung und einem Kommentar von Rolf Giesen (bluray-disc.de). Icestorm, das ab 1998 den DEFA-Katalog verwertete und unter anderem Limonaden-Joe auf DVD herausbrachte, meldete 2022 Insolvenz an. Der Feuerwehrball existiert bei Endless Classics als DVD unter seinem westdeutschen Titel Anuschka – Es brennt, mein Schatz; Ostře sledované vlaky lief 1967 in der Bundesrepublik als Liebe nach Fahrplan (OFDb).
Die Bilanz ist ernüchternd. Soweit ich sehe, gibt es deutsche Blu-rays aus dem Umkreis der Neuen Welle für ganze fünf Titel: Tausendschönchen, Marketa Lazarová, Der Boxer und der Tod, Der Hexenhammer und Ikarie XB 1. Eine deutsche 4K-UHD gibt es für keinen. Das Geschäft in der Hauptstraße und Das Ohr haben gar keine deutsche Disc; Forman und Menzel gibt es mit deutschen Untertiteln nur auf trigon-DVD. Wer deutsche Untertitel auf Blu-ray sucht, findet sie außerdem auf zwei Importen: der tschechischen Adelheid und der slowakischen Obrazy starého sveta.
Erstens: Fast jede Restaurierung des NFA aus dem Kernzeitraum hat inzwischen eine internationale Blu-ray gefunden – von Černý Petr über Lásky jedné plavovlásky, O slavnosti a hostech und Až přijde kocour bis zu Údolí včel und Starci na chmelu; die großen Ausnahmen sind Žert und Každý den odvahu, die beide auf der Liste der digital restaurierten Filme stehen (NFA). Das Muster ist stabil: Das NFA restauriert, Karlovy Vary oder Cannes zeigen die Premiere, die Kinos folgen, und nicht selten binnen weniger Jahre liegt die Second-Run- oder Criterion-Ausgabe vor. Zweitens: Bei den Slowaken ist es umgekehrt. Restaurierungen gibt es, das SFÚ veröffentlicht sie auf eigenen Discs, international aber sind nur Panna zázračnica, Kým sa skončí táto noc, Drak sa vracia und Prípad Barnabáš Kos bei Second Run sowie Boxer a smrť bei Bildstörung erschienen (SFÚ). Drittens: Die Neue Welle ist ein Blu-ray-Phänomen. Eine 4K-UHD eines Neue-Welle-Films habe ich bei keinem Label gefunden; der lange Schwanz des Katalogs liegt weiterhin auf DVD.
Die schmerzlichste Lücke ist Jirešs Žert, die Kundera-Verfilmung von 1968/69: 2022 aus dem Originalnegativ restauriert, in Karlovy Vary gezeigt, wieder im Kino – und auf Disc nur in der vergriffenen Eclipse-Box von 2012 greifbar. Ähnlich steht es um Menzels Rozmarné léto (DVD bei Eclipse, trigon und Malavida), um Chytilovás O něčem jiném und Ovoce stromů rajských jíme (beide nur auf Second-Run-DVD) und um Schorms Návrat ztraceného syna (nur Eclipse). Formans Konkurs gibt es auf Blu-ray, soweit ersichtlich, nur in der französischen Carlotta-Box. Für Schorms Každý den odvahu, Němecs Mučedníci lásky und Jan Schmidts Konec srpna v hotelu Ozon ist überhaupt keine Disc nachweisbar.
Auf slowakischer Seite fehlen international Uhers Slnko v sieti und Organ, Jakubiskos Kristove roky, Hanáks 322 und Havettas Slávnosť v botanickej záhrade; auf Blu-ray liegen sie nur in slowakischen Ausgaben vor, Slnko v sieti gibt es außerdem als Second-Run-DVD. Für Jakubiskos Vtáčkovia, siroty a blázni und Zbehovia a pútnici ist keine Blu-ray belegt. Und bei Criterion warten die vier frühen Nummern seit fast 25 Jahren auf ein Upgrade – was angesichts der Second-Run- und Arrow-Ausgaben verschmerzbar ist, außer bei Hoří, má panenko, dessen einzige Blu-ray eines englischsprachigen Labels die Arrow-Ausgabe von 2015 bleibt.
Wer auf die nächsten Upgrades spekuliert, hält sich an ein Muster: Údolí včel und Drak sa vracia kamen bei Second Run erst auf DVD, dann auf Blu-ray, Marketa Lazarová fand den Weg zur Blu-ray bei Criterion. Die Second-Run-DVDs von Ovoce stromů rajských jíme, O něčem jiném, Adelheid, Vtáčkovia, siroty a blázni und Slnko v sieti sind naheliegende Kandidaten. Angekündigt ist davon nichts.
Mein Bestand ist im Kern eine Second-Run-Sammlung. Von Forman stehen Black Peter (2018) und A Blonde in Love (2019) im Regal, von Ivan Passer Intimate Lighting (2018). Chytilovás Daisies (2018) liegt mit Jasmina Blaževičs Porträt Cesta als Bonus vor, Němec ist mit Diamonds of the Night (2019) und The Party and the Guests (2022) vertreten, Letztere mit Trnkas Kurzfilm Ruka als Zugabe. Den Episodenfilm Pearls of the Deep (2023) nach Hrabal teilen sich Menzel, Němec, Schorm, Chytilová und Jaromil Jireš; von Jireš kommt Valerie and Her Week of Wonders (2020) hinzu, von Menzel Closely Observed Trains – die einzige Arrow-Ausgabe der Sammlung (2015) – und Larks on a String (2022).
Die übrigen Tresorfilme und Zeitgenossen: Juráčeks A Case for a Rookie Hangman (2019) mit Postava k podpírání in 4K als Bonus, Kachyňas Coach to Vienna (2022) und The Ear (2019), Jasnýs The Cassandra Cat (2023) und die Doppel-Blu-ray Desire / All My Good Countrymen (2022), Brynychs The Fifth Horseman Is Fear (2021), Kadár und Klos‘ The Shop on the High Street (2016), Herz‘ The Cremator (2017) und Vávras Witchhammer (2017). Slowakisch sind Uhers The Miraculous Virgin (2018) und Solans The Barnabáš Kos Case (2025).
Hinzu kommt das Umfeld: Zemans The Fabulous Baron Munchausen (2017) und Invention for Destruction (2018), Jindřich Poláks Ikarie XB 1 (2019) und Tomorrow I’ll Wake Up and Scald Myself with Tea (2021), Vorlíčeks Who Wants to Kill Jessie? (2025), Herz‘ spätere Morgiana (2023) und Beauty and the Beast (2021), dazu zwei Nicht-Second-Run-Titel: Vávras Krakatit von 1948 als 4K-UHD von Deaf Crocodile (2026) und Herz‘ Ferat Vampire von Severin (2025). Die Criterion-Ausgabe von Daisies ist auf cine42 nur erfasst; auf der Wunschliste stehen Criterions The Cremator und Ostalgicas Der Autovampir.
Ganz oben steht Vláčils Marketa Lazarová. Die Criterion-Blu-ray #661 (2013, Region A) enthält Interviews mit Peter Hames und Antonín Liehm, die Vláčil-Dokumentation In the Web of Time (1989) und ein Gespräch über die Restaurierung (criterionforum); die deutsch untertitelte Bildstörung-Blu-ray von 2017 ist beim Label ausverkauft. Gleich dahinter Formans Hoří, má panenko: die Arrow-Academy-Ausgabe von 2015 (regionalfrei) oder die tschechische Bontonfilm-Blu-ray von 2012 mit englischen Untertiteln (blu-ray.com). Bei Second Run fehlen mir Vláčils The Valley of the Bees (2024) und The Devil’s Trap (2022), Kachyňas Long Live the Republic! (2026), Lipskýs Happy End (2024), Ladislav Rychmans The Hop-Pickers (Starci na chmelu, 2024) und Herz‘ Oil Lamps (Petrolejové lampy, 2025), aus einer 4K-Restaurierung von Kamera- und Tonnegativ (criterionforum). Die limitierte Trnka-Box Puppet Master (2026) kann ich mit Augenmaß angehen: Trnkas Ruka und Jiří Brdečkas Badly Painted Hen habe ich bereits als Bonus auf The Party and the Guests beziehungsweise The Cassandra Cat.
Slowakisch fehlen Grečners Dragon’s Return (2022) und Solans Before Tonight Is Over (2021), beide von Second Run, außerdem die SFÚ-Blu-ray Obrazy starého sveta (2024), die deutsche Untertitel mitbringt, und Bildstörungs Der Boxer und der Tod, soweit ich sehe der einzige slowakische Neue-Welle-Film mit deutscher Tonspur auf Blu-ray. Wer weiter gehen will, greift zum SFÚ-Sechserset von 2023 oder zur Havetta-Doppel-Blu-ray. Bei Deaf Crocodile stehen Prague Nights (2023) – mit einer Episode von Schorm – und The Golden Fern (2025) auf meiner Liste, Soda Pop Joe ist für Ende Oktober 2026 vorgemerkt. Indicators limitierte Ausgabe von 90° in the Shade (2019) führt der Verlag bereits unter den gestrichenen Titeln. Die tschechische Adelheid von Magic Box (mit englischen und deutschen Untertiteln) schließt die Vláčil-Lücke.
Lohnende Zweitausgaben: Criterions The Cremator (2020) bringt die Dokumentationen This Way to the Cooling Chambers (2011) und Music by Zdeněk Liška (2017) mit, Criterions Daisies (2022) Chytilovás Kurzfilme Pytel blech und Strop. Den Autovampir von Ostalgica auf meiner Wunschliste sollte ich mir dagegen noch einmal überlegen: Severin hat laut mondo-digital dieselbe Quelle verwendet wie die deutsche Ausgabe, sie allerdings aufwendig bereinigt. Was es nur auf DVD gibt, muss auf DVD ins Regal: die Eclipse-Box „Pearls of the Czech New Wave“ (für Žert, Rozmarné léto und Návrat ztraceného syna) sowie die Second-Run-DVDs von Fruit of Paradise (2015), Something Different / A Bagful of Fleas (2016), Audition (2005), Birds, Orphans and Fools (2014), The Sun in a Net (2013) und Transport from Paradise (2014). Wer Rozmarné léto und Konkurs lieber mit deutschen Untertiteln sieht, ist mit den beiden trigon-Boxen gut bedient. Und als Dokumentation gehört die Doppel-Blu-ray CzechMate: In Search of Jiří Menzel (Second Run, 2020) dazu.
Jenseits der Blu-ray-Kataloge lohnt der Blick auf Filme, die die zeitgenössischen Programme prägten und heute kaum greifbar sind. Das „Festival of New Czechoslovak Cinema“ in New York zeigte 1967 neben Sedmikrásky und Démanty noci auch Jirešs Křik, Schorms Každý den odvahu, Hynek Bočans Nikdo se nebude smát, Antonín Mášas Hotel pro cizince und Jan Schmidts Konec srpna v hotelu Ozon (MoMA 1967). Von Schorm wäre außerdem Den sedmý, osmá noc zu nennen, den das Zeughauskino 2018 unter den späten, unterdrückten Filmen zeigte, von Němec Mučedníci lásky. Ester Krumbachová, Drehbuchautorin und Kostümbildnerin hinter Sedmikrásky, O slavnosti a hostech und Valerie, hat mit Vražda ing. Čerta (1970) ihre einzige Regiearbeit hinterlassen. Jirešs frühen Kurzfilm Sál ztracených kroků kann man als Bonus auf Criterions Valerie sehen.
Bei den Slowaken führen Jakubiskos Kristove roky und Zbehovia a pútnici, Hanáks 322, Havettas Slávnosť v botanickej záhrade und Martin Hollýs Prípad pre obhajcu weiter; Letzteren zeigte das Zeughauskino 2026. Im Grenzbereich zur Neuen Welle liegen Jiří Weiss‘ Zlaté kapradí und Třicet jedna ve stínu, Brynychs Já, spravedlnost, Jaroslav Papoušeks Ecce homo Homolka (1969, bei Magic Box nur mit tschechischen Untertiteln) und die frühen Kurzfilme Jan Švankmajers wie Poslední trik (1964) und Byt (1968).
Berlin hat die Neue Welle früher und öfter gezeigt, als man denkt. Schon vom 1. bis 30. September 1992 lief hier „Die Filme des Prager Frühlings. Die tschechoslowakische Neue Welle 1963–69. Eine Retrospektive“ (NFA-Katalog); zwei Jahre zuvor hatte Skřivánci na niti den Goldenen Bären gewonnen. Die wichtigste Adresse ist seither das Zeughauskino im Deutschen Historischen Museum: 2013 mit einer Menzel-Werkschau zum 75. Geburtstag, im September 2016 mit „Slowakische Neue Welle“, acht Filmen von Boxer a smrť bis Obrazy starého sveta, kuratiert mit Unterstützung von Olaf Möller, und im August 2018 mit „Vom Ende des Prager Frühlings“ zum 50. Jahrestag der Invasion, mit Ucho, O slavnosti a hostech, Den sedmý, osmá noc, Žert, Spalovač mrtvol, Případ pro začínajícího kata und Všichni dobří rodáci (Zeughauskino 2018).
In diesem Sommer folgte die bisher umfangreichste Schau: „In weiter Ferne, so nah! Tschechische und slowakische Kinolandschaften“ vom 4. Juli bis 6. September 2026, kuratiert von Ralph Eue, Brigitte Mayr und Michael Omasta, in Partnerschaft mit NFA, SFÚ, dem Tschechischen Zentrum und dem Slowakischen Institut Berlin. In acht Programmen spannte sie den Bogen von der Ersten Republik bis heute und zeigte aus der Neuen Welle unter anderem Hoří, má panenko, Nikdo se nebude smát, Prípad pre obhajcu, Boxer a smrť und Jirešs Sál ztracených kroků; ein Symposium begleitete die Reihe. Im Oktober 2026 erscheint dazu ein Begleitbuch bei SYNEMA in Wien (Zeughauskino). Das Arsenal zeigte Sedmikrásky in seiner Reihe „Filmspotting – Die Prager Filmschule FAMU“, gekoppelt mit Haro Senfts Ein Anlass zum Sprechen, und die Berlinale Classics präsentierten 2026 die Weltpremiere der restaurierten Panelstory (1979) von Chytilová (Tschechische Botschaft) – kein Film der Sechziger, aber ein Zeichen, wie lebendig das Restaurierungsprogramm ist.
International beginnt die Rezeptionsgeschichte mit dem „Festival of New Czechoslovak Cinema“, das MoMA und Lincoln Center vom 29. Juni bis 11. Juli 1967 mit zwölf Spielfilmen ausrichteten. Das Centre Pompidou widmete dem tschechischen und slowakischen Kino 1996 eine große Retrospektive, die Cinémathèque française 2018 die Reihe „La Nouvelle Vague tchèque… et après“ mit 23 Filmen (OpenAgenda). Film at Lincoln Center zeigte 2018 „The Power of the Powerless: Banned Films from the Czechoslovak New Wave“ und 2019 eine Krumbachová-Reihe (FLC); das IFI in Dublin zeigte 2017 die Reihe „Intimate Lighting“, das Close-Up Film Centre in London 2019 eine eigene Neue-Welle-Reihe. Für Restaurierungen sind Karlovy Vary (2011 Marketa Lazarová, 2012 Hoří, má panenko, 2013 Všichni dobří rodáci, 2014 Ostře sledované vlaky, 2019 Spalovač mrtvol und Kočár do Vídně, 2022 Žert) und Cannes Classics (2018 Démanty noci, 2019 Lásky jedné plavovlásky, 2022 Sedmikrásky) die Schaufenster (iROZHLAS). In Bologna sprachen NFA-Kuratoren 2022 bei Il Cinema Ritrovato über die Restaurierung von Až přijde kocour im Breitbildformat mit Mehrkanalton, für die originale Magnettonkopien von 1963 aus ungarischen und polnischen Archiven herangezogen wurden (Radio Prague); die Cineteca di Bologna zeigt Ostře sledované vlaky fast jedes Jahr. Aktuell läuft in London im September und Oktober 2026 das Made in Prague Festival im Garden Cinema mit einem Neue-Welle-Programm von Marketa Lazarová bis Valerie (Filmuforia). Online bietet DAFilms Retrospektiven zu Chytilová und Vláčil.
Das Standardwerk ist und bleibt Peter Hames, The Czechoslovak New Wave (University of California Press 1985, erweiterte zweite Auflage Wallflower 2005, tschechisch 2005 als Československá nová vlna), Industrie- und Politikgeschichte mit ausführlichen Werkkapiteln (UPOL-Katalog). Hames‘ Czech and Slovak Cinema: Theme and Tradition (Edinburgh University Press 2009) verfolgt Traditionslinien wie Komödie, lyrische Tradition und Surrealismus quer durch die Systemwechsel. Drei Zeitzeugenbücher ergänzen ihn: Josef Škvoreckýs All the Bright Young Men and Women (Toronto 1971), eine anekdotenreiche Insidergeschichte aus dem Exil, Antonín J. Liehms Interviewband Closely Watched Films (1974) und Robert Buchars Czech New Wave Filmmakers in Interviews (McFarland 2004) mit Rückblicken um das Jahr 2000. Die anspruchsvollste neuere Monografie ist Jonathan L. Owens Avant-garde to New Wave (Berghahn 2011), die die Bewegung vor dem Hintergrund des tschechischen Surrealismus liest (Berghahn). Dazu kommen The Miloš Forman Stories von Liehm und Forman (Neuausgabe Routledge 2018), Mira und Antonín Liehms Gesamtgeschichte The Most Important Art (1977) und Alice Lovejoys Studie zum Armeefilmstudio, Army Film and the Avant Garde.
Auf Deutsch gibt es, soweit ich sehe, nur einen Sammelband eigens zum Thema: Andreas Rauscher, Josef Rauscher und Jonas Engelmann (Hg.), Tschechoslowakische Neue Welle. Das Filmwunder der Sechziger (Ventil Verlag 2018). Solider filmwissenschaftlich ist der Schüren-Band Klassiker des tschechischen und slowakischen Films (Hg. Christer Petersen, Anke Steinborn, Nicole Kandioler, 2018), den Pavel Skopal in der Bohemia als „anregend und lesenswert“ besprach, nicht ohne Fehler bei Daten und Credits anzumerken (Bohemia). Eine kompakte Einführung bietet das Kapitel über das Kino des Prager Frühlings in Thomas Christens Einführung in die Filmgeschichte 2 (Schüren 2016); Formans Erinnerungen erschienen 1994 als Rückblende bei Hoffmann und Campe; eine antiquarische Rarität ist Mut für den Alltag. ČSSR-Film im Prager Frühling (Bern 1978). Online lohnt das Dossier „Nová vlna“ der Bundeszentrale für politische Bildung mit Andreas Rauschers Essay „Außenseiter zwischen Alltag und Avantgarde“ von 2025 (bpb). Das SYNEMA-Buch zur Zeughauskino-Retrospektive wird diese kurze Liste im Herbst ergänzen.
Auf Tschechisch sind vier Titel grundlegend: Jan Žalmans Umlčený film (NFA 1993), die posthum erschienenen Erinnerungen des führenden Kritikers der Sechziger; Démanty všednosti. Český a slovenský film 60. let von Stanislava Přádná, Zdena Škapová und Jiří Cieslar (Pražská scéna 2002); Liehms Ostře sledované filmy (NFA 2001); und Petr Szczepaniks Továrna Barrandov. Svět filmařů a politická moc 1945–1970 (NFA 2016), die Institutionengeschichte, die erklärt, wie Gruppen, Zensur und Selbstverwaltung die Neue Welle ermöglichten, und damit für Leser mit dramaturgischem Interesse besonders ergiebig (MUNI-Katalog). Neuere Bände verschieben den Blick auf Frauen: Autorka neklidu (Hg. Zbyněk Vlasák, 2021) zur Rezeption Chytilovás und die opulente Monografie Ester Krumbachová (Hg. Edith Jeřábková und Kateřina Svatoňová, 2021). Auf Französisch sind der Katalog zur Pompidou-Retrospektive, Le cinéma tchèque et slovaque (Hg. Jean-Loup Passek, 1996), und Liehms Gesprächsband Trois générations (Gallimard 1970, mit einem Vorwort von Jean-Paul Sartre) die Referenzen (livres-cinema.info). Formans Memoiren erschienen 1994 auch auf Französisch bei Robert Laffont.
Das umfassendste filmische Oral-History-Projekt ist Martin Šulíks Fernsehserie Zlatá šedesátá (2009), geschrieben von Jan Lukeš: 26 Folgen à rund 60 Minuten für ČT2, mit 95 Interviewten, je eine Persönlichkeit pro Folge (ČT24). Monumental ist Shivendra Singh Dungarpurs CzechMate: In Search of Jiří Menzel (2018): 429 Minuten, Gespräche mit 85 Menschen von Chytilová und Forman bis Wajda, Loach und Kusturica, eine um Menzel kreisende Gesamtgeschichte der Bewegung (Il Cinema Ritrovato), auf Blu-ray bei Second Run. Helena Třeštíková und Jakub Hejna erzählen in Forman vs. Forman (2019), einer Koproduktion mit ARTE, Formans Weg zwischen Prag und Hollywood allein aus Archivmaterial (KVIFF).
Chytilová ist gleich dreifach präsent: als Fragende in Chytilová versus Forman (1981), gedreht am Set von Ragtime, als Porträtierte in Jasmina Blaževičs Cesta (2004, Bonus auf der Second-Run-Blu-ray von Daisies) und als Regisseurin von Pátrání po Ester (2005), ihrer Hommage an Ester Krumbachová. Tomáš Hejtmáneks Sentiment (2003), bei Second Run als DVD erschienen, beruht auf Gesprächen mit Vláčil; Šulík widmete Pavel Juráček 2002 den Essayfilm Klíč k určování trpaslíků aneb Poslední cesta Lemuela Gullivera, Olga Sommerová 2024 Juráček je můj osud. Robert Buchars Velvet Hangover blickt auf die Filmindustrie vor und nach 1989. Mehrere kürzere Dokumentationen liegen als Bonus auf Discs: In the Web of Time über Vláčil auf Criterions Marketa Lazarová und Second Runs Ďáblova past, Robert Kolinskys Menzel-Film To Make a Comedy Is No Fun (2016) in der trigon-Box „Jiří Menzel 1“.
Das nächste große Ereignis ist absehbar: Limonádový Joe bei Deaf Crocodile Ende Oktober. Danach bleibt Spekulation, wenn auch begründete. Žert und Každý den odvahu sind die beiden restaurierten tschechischen Kernfilme ohne internationale Blu-ray, Chytilovás frühe Filme und Rozmarné léto die prominentesten DVD-Waisen. 2027 werden Marketa Lazarová und Hoří, má panenko sechzig, 2028 jährt sich der Prager Frühling zum sechzigsten Mal; Anlässe für neue Editionen gäbe es also genug. Die Slowaken verdienen den nächsten Schub: Ihre Restaurierungen liegen vor, sie warten nur auf ein Label, das sie über Bratislava hinaus trägt.
Stand: Oktober 2026. Die Tabelle beschränkt sich auf belegte Angaben; wo eine Angabe nicht gesichert ist, steht „–“. Bei abweichenden Datierungen in den Quellen sind beide Jahre angegeben.
| Film | Beste Disc-Ausgabe | Sammlung |
|---|---|---|
| Konkurs, 1963/64 Miloš Forman |
Carlotta-Box BD 2020 (nur frz. UT); trigon-DVD (dt. UT) | nein |
| Černý Petr, 1963 Miloš Forman dt. „Der schwarze Peter“ |
Second Run BD 2018; NFA BD 2018 | ja |
| Lásky jedné plavovlásky, 1965 Miloš Forman dt. „Die Liebe einer Blondine“ |
Second Run BD 2019 | ja |
| Hoří, má panenko, 1967 Miloš Forman dt. „Der Feuerwehrball“ |
Arrow Academy BD 2015; Bontonfilm BD 2012 | nein |
| Intimní osvětlení, 1965 Ivan Passer dt. „Intime Beleuchtung“ |
Second Run BD 2018 | ja |
| O něčem jiném, 1963 Věra Chytilová dt. „Von etwas anderem“ |
nur DVD (Second Run 2016) | nein |
| Sedmikrásky, 1966 Věra Chytilová dt. „Tausendschönchen“ |
Second Run BD 2018; Criterion BD 2022; Bildstörung BD 2012 (dt. UT) | ja |
| Ovoce stromů rajských jíme, 1969/70 Věra Chytilová |
nur DVD (Second Run 2015) | nein |
| Démanty noci, 1964 Jan Němec dt. „Nächtliche Diamanten“ |
Second Run BD 2019; Criterion BD 2019 | ja |
| O slavnosti a hostech, 1966 Jan Němec dt. „Über das Fest und seine Gäste“ |
Second Run BD 2022 | ja |
| Mučedníci lásky, 1966/67 Jan Němec |
– | nein |
| Perličky na dně, 1965/66 Menzel, Němec, Schorm, Chytilová, Jireš dt. „Perlen auf dem Meeresgrund“ |
Second Run BD 2023 | ja |
| Ostře sledované vlaky, 1966 Jiří Menzel dt. „Scharf beobachtete Züge / Liebe nach Fahrplan“ |
Arrow Academy BD 2015; NFA BD | ja |
| Rozmarné léto, 1967/68 Jiří Menzel dt. „Ein launischer Sommer“ |
nur DVD (Eclipse 2012; trigon, dt. UT) | nein |
| Skřivánci na niti, 1969 (UA 1990) Jiří Menzel dt. „Lerchen am Faden“ |
Second Run BD 2022 | ja |
| Žert, 1968/69 Jaromil Jireš |
nur DVD (Eclipse 2012) | nein |
| Valerie a týden divů, 1970 Jaromil Jireš dt. „Valerie – Eine Woche voller Wunder“ |
Second Run BD 2020; Criterion BD 2015 | ja |
| Každý den odvahu, 1964 Evald Schorm dt. „Mut für den Alltag“ |
– | nein |
| Návrat ztraceného syna, 1966/67 Evald Schorm |
nur DVD (Eclipse 2012) | nein |
| Pražské noci, 1968/69 Jiří Brdečka, Evald Schorm, Miloš Makovec |
Deaf Crocodile BD 2023 (Region A) | nein |
| Postava k podpírání, 1963 Pavel Juráček, Jan Schmidt |
NFA BD; Bonus auf Second Run Rookie Hangman | ja (als Bonus) |
| Případ pro začínajícího kata, 1969/70 Pavel Juráček dt. „Ein Fall für einen Henkerslehrling“ |
Second Run BD 2019; NFA BD | ja |
| Konec srpna v hotelu Ozon, 1966/67 Jan Schmidt |
– | nein |
| Ďáblova past, 1961 František Vláčil |
Second Run BD 2022 | nein |
| Marketa Lazarová, 1967 František Vláčil |
Criterion BD 2013; Bildstörung BD 2017 (dt. UT, vergriffen) | nein |
| Údolí včel, 1967 František Vláčil |
Second Run BD 2024 | nein |
| Adelheid, 1969 František Vláčil |
Magic Box BD (engl. und dt. UT) | nein |
| Ať žije republika, 1965 Karel Kachyňa dt. „Es lebe die Republik“ |
Second Run BD 2026 | nein |
| Kočár do Vídně, 1966 Karel Kachyňa |
Second Run BD 2022 | ja |
| Ucho, 1970 (UA 1990) Karel Kachyňa dt. „Das Ohr“ |
Second Run BD 2019 | ja |
| Až přijde kocour, 1963 Vojtěch Jasný |
Second Run BD 2023 | ja |
| Všichni dobří rodáci, 1968/69 Vojtěch Jasný |
Second Run BD 2022 (mit Touha) | ja |
| Transport z ráje, 1962 Zbyněk Brynych |
nur DVD (Second Run 2014) | nein |
| …a pátý jezdec je Strach, 1964 Zbyněk Brynych |
Second Run BD 2021 | ja |
| Obchod na korze, 1965 Ján Kadár, Elmar Klos dt. „Das Geschäft in der Hauptstraße“ |
Second Run BD 2016 | ja |
| Starci na chmelu, 1964 Ladislav Rychman |
Second Run BD 2024; NFA BD | nein |
| Limonádový Joe aneb Koňská opera, 1964 Oldřich Lipský dt. „Limonaden-Joe“ |
Filmexport BD (CZ, engl. UT); Deaf Crocodile BD angekündigt für 27.10.2026 | nein |
| Happy End, 1967 Oldřich Lipský |
Second Run BD 2024 | nein |
| Spalovač mrtvol, 1968/69 Juraj Herz dt. „Der Leichenverbrenner“ |
Second Run BD 2017; Criterion BD 2020 | ja |
| Kladivo na čarodějnice, 1969/70 Otakar Vávra dt. „Der Hexenhammer“ |
Second Run BD 2017; Ostalgica BD 2019 (dt. Ton) | ja |
| Pieseň o sivom holubovi, 1961 Stanislav Barabáš |
SFÚ BD (Sechserset 2023) | nein |
| Slnko v sieti, 1962/63 Štefan Uher dt. „Die Sonne im Netz“ |
slowakische BD (SK/EN-UT); Second Run nur DVD | nein |
| Boxer a smrť, 1962/63 Peter Solan dt. „Der Boxer und der Tod“ |
Bildstörung BD (dt. Ton und UT); SFÚ BD | nein |
| Organ, 1964/65 Štefan Uher |
SFÚ BD (Sechserset 2023) | nein |
| Prípad Barnabáš Kos, 1964 Peter Solan |
Second Run BD 2025 | ja |
| Kým sa skončí táto noc, 1965 Peter Solan |
Second Run BD 2021 | nein |
| Panna zázračnica, 1966 Štefan Uher |
Second Run BD 2018 | ja |
| Kristove roky, 1967 Juraj Jakubisko |
SFÚ BD (Sechserset 2023) | nein |
| Drak sa vracia, 1967/68 Eduard Grečner |
Second Run BD 2022 | nein |
| Zbehovia a pútnici, 1968 Juraj Jakubisko |
– | nein |
| Vtáčkovia, siroty a blázni, 1969 Juraj Jakubisko dt. „Vögel, Waisen, Narren“ |
Second Run DVD 2014 | nein |
| Slávnosť v botanickej záhrade, 1969 Elo Havetta |
SFÚ-Doppel-BD „Elo Havetta Collection“ | nein |
| 322, 1969/70 Dušan Hanák |
SFÚ BD | nein |
| Obrazy starého sveta, 1972 (UA 1988) Dušan Hanák |
SFÚ BD 2024 (u. a. engl. und dt. UT) | nein |
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